Juni 4

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Von der Bruch- zur Co-Pilotin

By Bianca Merz

Juni 4, 2023

Coaching, erfahrung, Selbsterfahrung

Es begann mit einer Bruchlandung …

“Auf 121.5 MHz, der internationalen Notfrequenz, können Sie mit jeder Bodenstation in Reichweite Kontakt aufnehmen. Und sich melden mit beispielsweise: Mayday, mayday, mayday, hier Piper Archer HB-OQB, ich bitte um Hilfe, der Pilot ist nicht mehr in der Lage das Flugzeug zu führen!”

Das und vieles mehr durfte ich beim Pinch-Hitter-Kurs – einem Lehrgang für Fluginteressierte – vor 30 Jahren lernen. 

Dass ich diese Notfrequenz nie nutzen musste, dafür bin ich sehr dankbar. Ich sass immer mit einem mulmigen Gefühl in einer dieser SEHR kleinen Flugkisten. Doch ich unterdrückte das Unwohlsein. War es das Verliebtsein (in den Piloten nicht ins Fliegen … ) oder dass ich mich immer wieder über meine Komfortzone hinaus pushen wollte, dass ich mich Anfangs der 90er-Jahre mit dem Fliegen beschäftigte? Vermutlich beides.

Fly-away wird zu meinem „away from flying“

Was ich noch genau weiss: ein Fly-Away in einem Kleinflugzeug zu viert nach Nizza im Jahr 1994 war der Abschluss dieser Phase. Oder vielmehr gesagt; das nur knappe happy landing in Belp. Wir kamen während des Rückflugs in eine turbulente Wetterlage. Die Freundin des zweiten Piloten sass hinten im Flugzeug neben mir und bekam eine Panikattacke. Sie begann um sich zu schlagen. Irgendwie brachte ich ungeahnte Kräfte auf und es gelang mir, sie in den Sitz gedrückt und ruhig zu halten bis wir in Belp notlanden konnten. Dies war insofern speziell, da ich ihr körperlich sowohl in Länge um 20 cm wie auch Gewicht vermutlich ca. 20 kg unterlegen war. Nach diesem für mich traumatischen Intermezzo war es vorbei mit meiner Co-Piloten-Karriere die eigentlich gar nie begonnen hatte, weil sie gar nie “meine” Karriere war. Ich war bruch-gelandet.

Von der Selbst-Erfahrung als Bruchpilotin …

Ich bin immer wieder fasziniert darüber, wie sich Erfahrungen im Leben ergeben haben und wie ich diese retrospektiv beobachten kann. Hätte ich 1992 als 18jährige schon gewusst, dass ich u.a. eine starke 3-er Ego-Struktur (Enneagramm-Typologie) entwickelt hatte und eine Reflektorin  bin – was beides dazu führt, dass ich mich in anderen und deren Themen verlieren kann – dann hätte ich diesen Pinch-Hitter-Lehrgang nie besucht. Auch hätte mir sicher geholfen, wenn ich damals bereits mehr auf meine Intuition und mein Bauchgefühl gehört und einen Zugang zum Selbst gefunden hätte. Denn Fliegen hat mich nie wirklich fasziniert. Einzig wenn ich es vom festen Boden aus beobachten konnte. Oder im Film – es war ja die Zeit von Top Gun! 

Hätte, könnte, dürfte, wenn ich doch nur… als ich mich vor bald 20 Jahren mit Persönlichkeits-Entfaltung zu beschäftigen begann, wurde mir bewusst, was ich als junge unerfahrene Frau alles mitgemacht hatte um dazuzugehören, um “etwas zu erreichen”, weil „frau“ es so tat und sicher auch um mir selber und vielen anderen etwas zu beweisen. Und ich war darüber gelinde gesagt nicht sehr erfreut, war wütend auf mich und es war mir peinlich.

Und so begann meine innere Reise über das Selber-Kennenlernen, ins Vertrauen ins innere Navi. Was mir dabei half, ist eine Klarheit darüber, dass alles für etwas gut ist und dass es zum Leben gehört, daraus zu lernen. Sonst kommen sie immer wieder die Erfahrungen, einfach in anderen Formen. Kommt dir das bekannt vor?

Meine Erfahrungen und Ausbildungen auf dem Persönlichkeitsentfaltungs-Weg haben mich nicht nur den Umgang mit Hebeln und Knöpfen (Coachingtools und -skills) gelehrt, sondern insbesondere haben sie mich darin geschult, mit wachem Auge die Vorgänge im Cockpit mitverfolgen, um mich aktiv am Flugverlauf beteiligen zu können (Haltung). Wie ein Flugzeug zeigen Coachees ein hohes Eigenstabilitätsverhalten auf, d.h. Ich muss und darf nicht wirklich einwirken. Einzig Hinweise und Korrekturen zur Verfügung stellen. Und in der Ruhe sein, um die Piloten*innen dabei unterstützen zu können, entkrampft zu werden für ein Navigieren und Fliegen mit Leichtigkeit.

.. zur bewussten Co-Pilotin

Und so kommt es, dass ich heute – 30 Jahre später – zwar noch immer nicht gerne und inzwischen nur in Ausnahmefällen fliege, aber Menschen auf dem Boden beim Navigieren begleite. Dabei, ihren inneren Kompass auszurichten oder diesen zu finden. Beim Lernen, den augenblicklichen Standort und ihre Position zu beschreiben und mit ihnen herauszuarbeiten und -spüren welches der Steuerkurs ist. Und diesen schlussendlich selbst-bewusst, -wirksam sowie mit viel Selbstvertrauen und -zuwendung anzugehen.

Flugstunden-Bericht

Ein Beispiel aus einem Coaching: Wir hatten uns ausgiebig mit den Stärken (basierend auf Erfolgen) und den Entwicklungsthemen (basierend auf Misserfolgen) der Kundin beschäftigt. Auf die übliche Stundenabschlussfrage von mir: “was nimmst du nun mit von heute:” meinte sie:

“Einerseits dass ich mir meiner Stärken viel bewusster bin und das nun wie besprochen am Montag in ein Projekt aktiv einbringen kann und andererseits, dass das Nicht-Schaffen der Gymiprüfung mich nun 30 Jahre lang unbewusst negativ beschäftigt hat und mir erst heute bewusst wurde, was ich dafür alles lernen durfte! Und welch tollen Weg ich gehen durfte. DANK dieser vermeintlich schlechten Erfahrung. Ich habe mich mit dieser Erfahrung versöhnt heute und das fühlt sich wunderbar an! ”

… Happy Landings für die Co-Pilotin?

Ende gut alles gut? Ich habe selber Jahrzehnte gebraucht (und bin immer wieder neu daran), um meinen inneren Kompass zu entdecken und auf seine Ausschläge zu achten und auch entsprechend zu reagieren. Und tue ich das immer? Hahaha … auch heute komme ich noch in unangenehme Fluglagen. Meistens höre ich auf das Navi und nehme es auch wahr. Doch manchmal will ich doch noch mit dem Kopf durch die Wand und dann reagiert mein System – meist aka Körper …. Und manchmal muss auch ich ein “Mayday” an wertvolle Begleiter”innen auf meinem Weg funken. Und mir eine Co-Pilotin ins Cockpit holen.

 

 

 

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