Juni 14

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Spät entdeckt, stark gelebt: Meine Reise mit der Hochsensibilität

By Bianca Merz

Juni 14, 2024

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Die späte Erkenntnis

Ich erinnere mich an viele Momente in meinem Leben, in denen ich Dinge sah und intuitiv verstand, die andere nicht wahrnahmen. Ob es triviale Dinge wie Reiseziele waren, die später zu Hotspots wurden, oder tiefere Einblicke und innovative Lösungen – oft schien ich der Zeit voraus zu sein. Diese Fähigkeit führte jedoch zu innerer Spannung und Anstrengung. Ich fühlte mich unzählige Male unverstanden und ungehört, da es für viele meiner Einsichten keine „logische“ Erklärung oder empirischen Daten gab. Dies verunsicherte mich und liess mich zunehmend meine Gedanken für mich behalten, da ich dachte, ich sei zu unlogisch. Um dagegen anzukämpfen, übte ich mich intensiv in Logik und studierte Betriebswirtschaftslehre. Es hat lange gedauert, bis ich erkannte – oder vielmehr akzeptierte – warum das so war. Es hat mit der Eigenschaft der Hochsensibilität zu tun.

Frühe Anzeichen und Innovationen

Schon in der Schule bemerkte ich Details, die anderen entgingen. Ein unvergesslicher Tag war, als ich schockiert nach Hause kam. Der Lehrer hatte sich in einer Wahlfachstunde eine Stunde lang mehr oder weniger subtil über einen Mitschüler lustig gemacht, der aus einem schwierigen Zuhause stammte, speziell aussah, roch und Mühe mit dem Lernstoff hatte. Ich war die Einzige, die wahrnahm, wie dieser Mitschüler zunehmend in seinem Stuhl versank – als Aussenseiter sass er ohnehin allein in der hintersten Reihe. Ich war traurig, dass ein Lehrer so etwas zuliess und dass ich mich nicht traute, etwas zu sagen und auch die üblichen frech-mutigen Mitschüler nicht reagierten.

Oder eine nächste Erinnerung an etwas, das viele Jahre später geschah. Ich war HR-Leiterin im Gesundheitswesen; Während viele noch im ausschliesslichen Konkurrenzdenken verhaftet waren, erkannte ich die Notwendigkeit der Kooperation. Der Hausärztemangel verschärfte sich zunehmend, und ich hatte Schwierigkeiten, entsprechende Fachkräfte zu rekrutieren. Nach vielen erfolglosen Rekrutierungsversuchen beschloss ich, mich mit HR-Leitungen von Konkurrenzunternehmen auszutauschen, um gemeinsam Strategien zu entwickeln. Viele hielten mich für verrückt. Doch es stellte sich heraus, dass diese Kooperationen auf vielen Ebenen Mehrwert brachten und auch auf menschlicher Ebene wichtig waren. Eine kleine Gruppe davon trifft sich heute noch ein- bis zweimal im Jahr zum Austausch von Mensch zu Mensch.

Widerstand gegen das Label HSP (Highly Sensitive Person)

Obwohl mir das Thema HSP mehrfach begegnete und nahegelegt wurde, wehrte ich mich lange – sehr lange – gegen das Label „HSP“. Erst mit knapp 50 Jahren begann ich, mich vertieft damit auseinanderzusetzen und es zögerlich anzunehmen.

Warum? Hochsensibel zu sein klang für mich immer nach einer Modeerscheinung – heute nennt sich doch jeder zweite hochsensibel, oder? Zudem wollte ich nicht in eine Schublade gesteckt werden, die mir zu eng und klischeehaft erschien. Ich wollte nicht als jemand gelten, der diese Eigenschaft als Entschuldigung braucht. Die oberflächlichen Beschreibungen passten weder zu meinem Gestaltungswillen noch zu meiner Führungsambition.

Doch je intensiver ich mich mit dem Konzept beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass es tatsächlich auf mich zutraf. Die feinen Nuancen in meiner Wahrnehmung, die intensive Verarbeitung von Informationen und die tiefe Empathie – all das sind Merkmale einer hochsensiblen Person. Das Konzept der Hochsensibilität ist noch relativ neu, und noch nicht lange gibt es umfassendere Erklärungen, Beispiele und Tests, die eine eindeutige Sprache sprechen – auch für mich. Übrigens sind etwa 15% der Menschen sogenannte HSP, darunter sicherlich viele in Führungspositionen und im Unternehmertum.

HSP-Innovatoren: Hochsensibilität als Motor für Innovation und Führung

Im Prozess der Anerkennung und des Umgangs mit diesen inneren Anteilen werde ich von Hanna begleitet. Sie ist Emotional Leadership-Coach und Wirtschaftspsychologin, spezialisiert auf die Begleitung von hochsensitiven Führungskräften und Innovatoren. Sie prägte den Begriff der HSP-Innovatoren. Unter diesem Link findest du eine Erklärung, was sie darunter versteht und vielleicht trifft das auch auf dich zu.

Hochsensitive Menschen sind oft Querdenker und Neudenker mit einem guten Gespür für gesellschaftliche Trends und Veränderungen. Ich erkenne mich als Neudenkerin – wenn auch oft eher unbewusst. Die Wissenschaft hat Hochsensibilität als neuronale Neigung, besonders viele Reize tief und differenziert zu verarbeiten, inzwischen gut erforscht. Diese Eigenschaft kann in der neuen Arbeitswelt besonders wertvoll sein – insbesondere in Führungsrollen. Hochsensible erkennen Entwicklungsmöglichkeiten leichter und können diese gezielt ansteuern, da sie gut darin sind, Veränderungen zu erkennen und sich darauf einzustellen. Dies erleichtert es ihnen auch, sich von überholten Glaubenssätzen zu trennen und neue Wege zu gehen. 

Die zögerliche Akzeptanz

Seit ich Hochsensibilität nicht mehr als Modeerscheinung abtue, sondern als Geschenk betrachte, Dinge zu sehen, die anderen verborgen bleiben, hat sich mein Leben – oder vielmehr mein inneres Erleben!! – entspannt.

Ehrlich gesagt, habe ich immer noch häufig Schwierigkeiten, wenn ich etwas wahrnehme, aber nicht unmittelbar eine Sprache dafür finde. Hier habe ich ein neues Übungsfeld entdeckt: Mit meinem verfeinerten Wahrnehmungsvermögen gezielter das Wesentliche in Situationen, Systemen oder Menschen zu entdecken. Kürzlich las ich, dass Hochsensitivität ein Talent ist, das man verfeinern und trainieren muss.

Gleichzeitig erkenne ich diese Wahrnehmung als Stärke und setze sie viel bewusster auch nonverbal ein. Statt mich von der Intensität meiner Wahrnehmungen überwältigen zu lassen, nutze ich sie als wertvolle Ressource, was in Beratungs- und Coachingsituationen immer wieder zu „Sternstunden“ führt. Schon vor Jahren hatte ich Strategien entwickelt, um mit Reizüberflutung umzugehen und meine Energie besser zu managen.

Dass ich manchmal etwas asozial bin und mehr Zeit für mich brauche, kann ich nun bewusster akzeptieren (mit einer wissenschaftlichen Erklärung im Rücken, hihi), was mich ruhiger macht und mein Selbstbewusstsein stärkt.

Hochsensibilität als Geschenk

Warum teile ich all das mit euch? Weil ich Mut machen möchte!

Es ist in Ordnung, hochsensibel zu sein. Es ist auch in Ordnung, dies erst spät im Leben anzuerkennen. Und besonders wichtig ist: Hochsensibilität ist nur ein Teil von uns, ein Talent, das individuell gelebt und genutzt wird. Diese Eigenschaft ist genauso vielfältig und bunt wie alle anderen, die wir teilen und dennoch individuell gestalten. Durch diese Erkenntnis kann ich mich mit den Vorstellungen von Hochsensibilität aussöhnen, die mich bisher davon abgehalten haben, mich näher damit zu befassen.

Dabei fällt mir ein Zitat von Jeremy Narby ein:
„Wir sehen das, woran wir glauben, nicht umgekehrt. Um das zu ändern, was wir sehen, müssen wir manchmal ändern, woran wir glauben.“

Die Anerkennung und Nutzung von Hochsensibilität als Geschenk kann unser Leben und unsere Arbeit zutiefst bereichern. Oder was denkst du darüber?
Was sind deine Erfahrungen? Wie erlebst du Hochsensibilität im beruflichen oder privaten Kontext? 

 

Und falls du  Begleitung/Beratung suchst als UnternehmerIn oder Führungskraft – ob für dich selbst oder für deine Mitarbeitenden, kann ich dir sehr die Expertin Hanna Greis empfehlen. https://www.emotional-leadership-coaching.de/ – Herzensempfehlung und unbezahlte Werbung. Geprüft by Bianca.

 

Bianca in den 70ern.

Hochsensibilität wurde erst 1997 erstmals als Persönlichkeitsmerkmal beschrieben und quasi „wissenschaftlich entdeckt“. Gerne hätte ich das der kleinen Bianca viele Jahre früher erzählt. 

 

 

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  • Deine Blogposts lese ich immer gerne, ich nehme jedesmal was für mich mit und lerne auch dich ein Stück besser kennen, was ich auch spannend finde 🙂

    • … danke vielmals für deine Rückmeldung, liebe Noré. Ja du gell, es gibt immer wieder Neues zu entdecken … sogar in sich selbst .. Danke auch dir für die immer wieder so bereichernden Austausche!

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