September 10

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Die Bedeutung von Zweifeln – eine Reflexion auf die gesellschaftlichen Herausforderungen und die Initiative der IDGs

By Bianca Merz

September 10, 2023

Gesundheit, Gesundheitswesen, IDG, innerwork, SDG, Verantwortung

Diese verrückte Welt lieben – trotz allem!

So lautet der Titel des heutigen Newsletters der Pioneers of Change und animierte mich, meine Gefühlsfahrt von Donnerstagabend bis Samstagmorgenfrüh zu beschreiben. Angefangen von Fassungslosigkeit am Donnerstag über das Ignorieren und Leugnen am Freitag bis zu Freude und Motivation am frühen Samstagmorgen. Da war alles dabei. Und mir wurde wieder bewusst, wie wichtig das Fühlen und Zweifeln ist. Und wie Mut-gebend. Denn erst wenn wir anfangen zu zweifeln, wird Neues möglich.

Ohnmacht ob all der Herausforderungen

Donnerstagabend sass ich aufgewühlt unter einer grossen Esche im Park. Und versuchte mich zu erden. In mir brodelte eine Mischung aus Trauer, Wut, Ohnmacht, Resignation und Müdigkeit. Über mir sassen munter trällernde Meisen, die sich so gar nicht von meiner Stimmung beeindrucken liessen. Die Abendsonne lachte mir ins Gesicht. 

Was mich so fassunglos gemacht hatte, war eine Kumulation von zeitlich nahe liegenden Gesprächen und Coachings mit fünf Menschen, die zufälligerweise alle im Gesundheitswesen tätig sind. In unterschiedlichen Unternehmen und Rollen – angefangen von einer Digitalisierungsexpertin über zwei selbständige Ärzte*Innen die seit Jahren sehr erfolgreich eigene Praxen führen und sich gesundheitspolitisch engagieren, zu einer jungen FAGE bis schliesslich an diesem Donnerstag zu einer Spital-Chefärztin.

Die Chefärztin und ich hatten an diesem Tag Führungssituationen reflektiert, als ich plötzlich innehielt und sie nochmals nach ihrem Befinden fragte. Darauf brach sie in Tränen aus. Und beschrieb mir eine Situation die ich so ähnlich so oft und auch den anderen vier gehört hatte. Dass vieles zunehme, (Ansprüche und Vorwürfe aus dem gesamten Umfeld von den KK bis zu Patienten, Anforderungen fachlich und administrativ, zeitlicher Druck) und in keinem Verhältnis mehr zur Entlöhnung sei. Dass das Schlimmste jedoch sei, dass sie ihre Freude und Überzeugung verlieren würden und dass es praktisch kein Miteinander zwischen all den Akteuren gäbe.

Viele suchten nach Lösungen, doch keine brachte bisher DIE Lösung. Drei von den fünf Personen überlegen sich einen Berufswechsel oder Praxisaufgabe und die Jüngste hat nach knapp zehn Berufsjahren entschieden, nicht mehr als FAGE arbeiten zu wollen.

Warum es mich so aufwühlt?

Anfangs Woche hatte ich einen wichtigen Arzttermin und darum hat mich das Thema wohl noch tiefer berührt als üblich. Denn was mir beschrieben wurde, kenne ich aus diversen Systemen. Doch erstmals hatte ich ein WIRKLICH ungutes Gefühl gerade was die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung angeht. Trotz all der verschiedenen Initiativen und Projekte und engagierten Menschen. Es “passiert” zu wenig. Braucht es einen Crash? Eventuell ja. Oft werden ja leider Menschen auch erst ernst genommen, wenn sie zusammenbrechen – oder anders: sie nehmen sich und ihre Bedürfnisse auch erst dann wirklich ernst. Es beginnt bei uns – bei mir – bei meiner Haltung und Sicht auf die Dinge.

Und da liegt für mich eine der Kernfragen. Wie kann es mir und dir uns uns und den Menschen im im Gesundheitssystem gelingen, nicht zu resignieren, sondern Verantwortung zu übernehmen? Was hindert uns selbst die Veränderung zu sein, die wir sehen möchten?

Da gibt es unzählige Gründe (die ich alle auch kenne von mir….) Ich vermute ein zentraler Grund ist, dass wir uns nicht verbunden fühlen – weder miteinander noch mit dem System und der Welt und glauben, dass uns das alles nicht betreffe und wir macht-los seien. Und uns ablenken und hoffen, dass jemand da oben oder die Politik oder wer das dann schon schaukelt.

Dass das doch jemand anderes schaukeln soll, war auch mein Motto am Freitag und ich genoss einen unbeschwerten Tag. Und war unruhig.

…da kamen sie doch wieder zurück – die Zuversicht und der Glaube!

Am Samstagmorgen spazierte ich zum See, um den farbenfrohen Sonnenaufgang zu geniessen. Als ich dort ankam, bemerkte ich, dass über Nacht die Open your Eyes- Fotoausstellung der ETH zu den SustainableDevelopmentGoals installiert worden war.

 

 

Die Ausstellung in der Innenstadt umfasst schöne, aufwühlende, zum Nachdenken anregende, kreative und berührende Bildstrecken und Texte. Ich kann sie nur empfehlen!


Zufälle gibt es nicht! Denn die SDGs haben auch etwas mit meinem und Esthers Herzensprojekt zu tun, welches uns seit Frühjahr 2022 bewegt.

Doch zuerst zu den SDGs:
Im Jahr 2015 wurden die Sustainable Development Goals ins Leben gerufen, um bis 2030 eine nachhaltigere Welt zu schaffen. Die 17 Ziele umfassen eine breite Palette von Themen, die unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen, Werten und Überzeugungen betreffen. Obwohl es eine klare Vision gibt, wie diese Ziele erreicht werden können, ist der Fortschritt bisher enttäuschend. Obwohl die Fakten klar sind, passiert zu wenig. Warum?


Unter anderem, weil Wissen allein uns nicht ins Handeln bringt und weil wir oft glauben, dass es nichts mit uns zu tun hat. Wir fühlen uns nicht verbunden, warten auf eine Retterin oder wissen nicht, was wir tun können. 

Roger Willemsen hatte so wunderbar beschrieben: „Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“


 

Es beginnt bei mir und dir …

Die Wissenschaft erforscht die äusseren Räume, und der suchende Mensch erforscht die inneren Räume. Denn offenbar verfügen wir Menschen noch nicht über die nötigen inneren Fähigkeiten, um mit den zunehmend komplexen Herausforderungen unserer Umwelt umzugehen.

Zum Glück zeigt die moderne Forschung, dass wir diese Fähigkeiten entwickeln können. Darauf und auf den SDGs aufbauend wurde die internationale Initiative der InnerDevelopmentGoalss ins Leben gerufen – zufälligerweise zur selben Zeit, als Esther und ich begannen, Spuren für unsere gemeinsame Projektreise zu legen. Unser Wegweiser ist die Frage, was es braucht, damit Menschen in Systemen (und solche ausserhalb) noch stärker in mutige und systemverändernde Haltungen und Handlungen einsteigen können.

Inzwischen haben wir einiges erfahren, entdeckt, vorgeformt und uns mit diveresen spannenden Menschen und Initiativen vernetzt und werden im Oktober sowohl mit einem Anlass als auch mit einem Webauftritt sichtbar werden. Gemeinsam mit  Interessierten, werden wir zweifeln und in Frage stellen, was wir für wahr halten. Und uns daraus für neue Ideen und Perspektiven und Aktionen öffnen. Und wir werden ein Curriculum anbieten, welches sich an den IDGs orientiert und Menschen anspricht, die Führung übernehmen möchten.

Sonntagmorgen-Stimmung – heitere Gelassenheit

Was für eine Gefühlsfahrt. Jetzt bin ich wieder motiviert an der Website weiterzuarbeiten. Daran, die IDGs weiter in meine tägliche Arbeit einflechten und mich auch in der kommenden Woche wieder in Systeme zu begeben und Menschen zu begleiten, die sich weiterentwickeln und wachsen wollen. Menschen, die neugierig und offen für Zweifel und Unsicherheit sind und lernen möchten wie ich auch, ihre Grenzen zu erweitern und neue Möglichkeiten zu erkunden. Im Wissen, dass ich auch wieder zweifeln werde …

Passend und abschliessend dazu einmal mehr Hermann Hesse:

„Glaube und Zweifel bedingen einander wie Ein- und Ausatmen; sie gehören zusammen.“

 

 

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