März 28

2 comments

Wind, Wege, Mut. Allein unterwegs. Und die Geschichte mit den Hunden.

By Bianca Merz

März 28, 2026

Alleinwandern, mut, Vertikale Entwicklung

Allein unterwegs – und die Geschichte mit den Hunden

Wenn ich allein wandern gehe, gibt es eigentlich nur eine Sache, vor der ich wirklich Respekt habe: grosse Hunde. Nicht die Berge. Nicht das Alleinsein. Nicht einmal das Wetter. Aber Begegnungen mit grossen frei laufenden Hunden … hmm das ist etwas, das in mir sofort einen inneren Radar aktiviert. Und genau deshalb war es vielleicht kein Zufall, dass diese Wanderung vorgestern genau damit begann.

Einstieg in die Wanderung

Ich steige in Camignolo aus dem Postauto. Es ist noch dieser Moment zwischen Ankommen und Losgehen. Ich habe meine Karte in der Hand und versuche herauszufinden, wo genau der Weg hoch Richtung Monte Bigorio beginnt. Bin ganz in die Karte vertieft und plötzlich ertönt neben mir ein lautes Bellen. 
Ich erschrecke kurz. Ein grosser Hund steht direkt neben mir, hinter einem Zaun, den ich vorher gar nicht gesehen habe. Jedenfalls bellt er mich an, als hätte ich gerade etwas sehr Wichtiges gestört. Mein Herz macht diesen kleinen Sprung, den ich so gut gut kenne und mir kommt gleich der Gedanke: „Oha; das  könnte heute eine Herausforderung werden.“

Der Weg durch das Dorf und den Wald.

Ich gehe los. Langsam verlasse ich das Dorf und gehe steil hinauf Richtung Kastanien- und Eichenwald. Es ist ruhig, kaum Menschen unterwegs. Kurz bevor der Wald beginnt, komme ich an einem kleinen Haus mit einem Hof vorbei. Dort läuft mir ein älterer Mann entgegen. Er trägt beide Hände voller Eier, offenbar frisch aus dem Hühnerhaus nebenan geholt. Neben dem kleinen Hühnerstall sitzt eine Katze. Ich sage beiden „Buongiorno“. Wir nicken uns zu – also der Mann und ich. 
Die Katze schaut mich nicht mal an und verschwindet in den Wald.  Ich gehe weiter, am Haus vorbei, biege links in den Wald ein.

Und dann sehe ich ihn!  Ein grosser Hund kommt auf mich zugelaufen.
Mein Körper spannt sich sofort an. Dieser Moment, in dem man nicht weiss, wie nah er kommen wird. Der Mann dreht sich instinktiv um, sieht, was passiert, ruft den Hund und dieser reagiert sofort und läuft direkt zum Mann, ohne auch nur in meine Nähe zu kommen. Ich merke, wie sich mein Körper wieder entspannt.
Ouff, noch einmal gut gegangen. 

Höhenmeter und frühlingshaft stille Alpen

Ich gehe weiter. Höhenmeter um Höhenmeter. Der Weg wird ruhiger, ich auch, der Wald dichter, und ich merke, wie ich langsam wirklich in der Wanderung ankomme.
Auf der Karte sehe ich, dass weiter oben eine kleine Siedlung kommt. Und ich ertappe mich dabei, dass ich hoffe, dass dort gerade niemand ist. Dass es vielleicht eine dieser Siedlungen ist, die nur im Sommer belebt sind. Nicht, weil ich Menschen vermeiden will. Sondern weil ich weiss: Wo Häuser sind, sind oft auch Hunde.
Als ich dort ankomme, ist es tatsächlich still. Niemand da. Nur eine kleine Kapelle.
Ich gehe zur Tür, aber sie ist geschlossen. Ein kurzer Moment von Stille, dann gehe ich weiter.

Je höher ich komme, desto offener wird die Landschaft. Es hat viele Alpen hier oben, aber ich weiss, dass im März noch niemand hier oben arbeitet. Die Saison hat noch nicht begonnen. Es ist ruhig, fast leer. Weiter gehts, begleitet vom sehr starken Nordwind, immer weiter hinauf. Schliesslich bin ich schon auf über tausend Metern, kurz vor der eigentlichen Spitze des Monte Bigorio.

Begegnung mit den grossen Hunden

Dann komme ich um eine kleine Kurve. Und da stehen sie: Zwei grosse Hunde. Sobald sie mich sehen, beginnen sie zu bellen. Ich bleibe kurz stehen. Ich sehe niemanden. Keine Person. Niemand, der sie ruft. Und mir wird bewusst: Ich müsste jetzt genau auf sie zu und an ihnen vorbeigehen.

Ich denke dann gar nicht lange nach, sondern drehe mich um. Nicht panisch. Erstaunlich ruhig aber unmittelbar. Und ich gehe zurück um die kleine Kuppe, von der ich gekommen bin, und bleibe dort kurz stehen. Mein Herz schlägt nun doch schneller, aber gleichzeitig ist da eine gewisse Klarheit. Ich nehme meine Karte heraus. Der offizielle Weg würde jetzt auf der anderen Seite wieder ins Tal hinunterführen. Hunderte von Höhenmetern. Und das fühlt sich sowas von nicht richtig an. Also mache ich etwas anderes.

Ich schaue mir die Höhenlinien an. Wie nah sie beieinander liegen. Wie das Gelände ungefähr verlaufen müsste. Und dann entscheide ich, querfeldein zu gehen. Tja nicht besonders einfach und bequem … Es wird steil, zwischendurch muss ich richtig klettern, mich an Ästen festhalten, durch Gestrüpp, über kleine Kanten. Ich bleibe an Dornen hängen, irgendwann merke ich, dass meine Hose aufgerissen ist, und meine Hände sehen auch nicht mehr ganz so toll aus. Aber ich gehe weiter. Und irgendwann stehe ich oben. Nicht genau auf dem Weg, aber wieder auf meinem Weg.


Am See dann die Quintessenz

Später, nachdem ich weitergewandert bin, nachdem ich beim Kapuzinerkloster Santa Maria eine Kerze angezündet habe und schliesslich unten am See in Lugano sitze, kommt mir dieser Gedanke an die Hundebegegnungen nochmals in den Sinn.

Ich schaue aufs Wasser. Es ist unruhig, der Wind bläst, doch die Sonne scheint von einem stahlblauen Himmel und der Tag beginnt langsam in meinem Körper nachzuwirken. Und ich frage mich: “ Habe ich mich eigentlich der Situation/Herausforderung nicht gestellt? Habe ich die Konfrontation vermieden?“

Ich sitze eine Weile dort und lasse diesen Gedanken einfach da sein.
Und je länger ich dort sitze, desto klarer wird etwas anderes. Nein; ich habe mich nicht abschrecken lassen. Ich bin nicht umgedreht und nach Hause gegangen.
Aber ich habe mich auch nicht gezwungen, etwas zu tun, das sich für mich nicht richtig angefühlt hat, sondern habe meinen Weg behalten und gleichzeitig auf mich gehört und aufgepasst.

Vielleicht ist das beim Alleinwandern genau der Punkt. Mut heisst nicht immer, geradeaus durch alles hindurchzugehen. Manchmal heisst Mut auch umzudrehen und manchmal eben einen anderen Weg zu finden und trotzdem weiterzugehen.

Und während ich dort am See sitze, wird mir wieder bewusst, was passiert, wenn ich alleine unterwegs bin (und warum ich dies auch so gerne tue). Während ich draussen gehe, wandert in mir drinnen genauso viel. Ich zeige manchmal Bilder vom Weg, vom Wald, vom Gipfel, vom See und von meiner Sturmfrisur ;-).  Aber parallel dazu laufen immer auch Geschichten innen ab. Gedanken. Entscheidungen. kleine Ängste. neue Wege, Ideen uvm.

Und ich bin ja nicht wirklich allein beim Wandern. Die Bäume, die Berge, der Wind, Vögel und viele mehr begleiten mich. Auf dem Monte Bigorio fast umgeworfen vom Sturm, am See ein stetiges Blasen des Windes. Ja und trotzdem ist in mir Ruhe. Der Wind spricht, spielt, treibt, lässt mich lachen, lässt mich staunen. Er ist ein Teil des Austausches. Ein lebendiger Begleiter, genau wie die Landschaft selbst.

Und die Begegnung mit den Hunden?
Nur eine dieser Geschichten, die in mir laufen, während draussen alles geschieht.

Mutformen und Parallelen zum Leben


Wenn ich darüber nachdenke, bemerke ich die Parallele zum Leben. Nicht jeder Weg ist für alle der gleiche. Manche hätten vielleicht versucht, direkt an den Hunden vorbeizugehen, andere wären zurückgegangen. Ich habe navigiert. Eine eigene Form von Mut.

Mut kann auf mindestens drei Arten auftreten:
– Geradeaus durch alles hindurchgehen; volles Risiko, die Herausforderung frontal annehmen.
– Ausweichen und bewusst vermeiden; einen Weg wählen, der dich schützt; die Angst steuert den Schritt.
– Navigieren; die Form, die ich gewählt habe: aktiv die Situation lesen, Risiken abwägen, den eigenen Weg bewusst gestalten, und versuchen weiterzugehen, ohne sich selbst zu überfordern.

Der Unterschied zwischen 2 und 3 ist nicht so klein: Bei 2 steuert die Angst die Bewegung, du weichst aus. Bei 3 bist du aktiv, du wählst den Weg bewusst, mit Mut und Respekt vor den Gegebenheiten (bzw. Hunden in diesem Fall ;-).

Alle drei können richtig sein. Es geht nicht darum, keine Angst zu haben.
Es geht darum, auf sich selbst zu hören, zu spüren, wann man etwas wagen kann, wann man sicher sein muss  und wie man seinen Weg so wählt, dass er zu einem passt.

Vielleicht ist das die eigentliche Quintessenz, nicht nur vom Wandern, sondern generell:  Einen Weg zu finden, der mutig ist, der dich voranbringt – und trotzdem deinem eigenen Takt, deinen eigenen Grenzen und deiner inneren Stimme folgt.

 

 

 

 

 

(Visited 43 times, 1 visits today)
    • Danke dir, liebe Susanne – und ja gell, das Bild hat mich selbst überrascht als ich es dann unten am See mal angeschaut hatte ;-)…

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
    >
    Cookie Consent mit Real Cookie Banner