Mai 6

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Im Nicht-Wissen beginnt etwas

By Bianca Merz

Mai 6, 2026

Coaching, Diplomfeier, Höhere Fachprüfung, Rede

Ein Text über Coaching, Resonanz und die leise Kunst, Räume zu halten.*

Es gibt Momente im Leben, die sich nicht ankündigen. Sie entstehen nicht aus Planung, nicht aus Strategie und schon gar nicht aus Klarheit. Sondern genau dann, wenn etwas kurz still wird und wir merken: so, wie wir es gerade gedacht hatten, geht es nicht weiter. 

Vor einigen Jahren sass ich in einer Coachingsitzung und bemerkte plötzlich:
Oups … jetzt weiss ich gerade nicht mehr, wie weiter …  der Coachee schaute mich an und für einen kurzen Moment waren wir beide im Nicht-Wissen. Ein Zustand, der sich am Anfang meiner Coachinglaufbahn noch falsch anfühlte. Doch heute weiss ich: Genau dort beginnt oft etwas.

In diesem Moment erinnerte ich mich an einen meiner ersten Coachingausbildner Werner Herren. Er gehört zu den Pionieren des Coachings in der Schweiz.
Ausgebildet unter anderem im Umfeld von Paul Watzlawick und Steve de Shazer in Palo Alto, begann er bereits Mitte der 80er-Jahre, Coaching zu unterrichten; zu einer Zeit, in der Coaching in Organisationen nur als Methode und noch kaum als eigenständiger Beruf existierte.

Werner sagte einmal zu mir: „Es werden nur solche Herausforderungen an dich herangetragen, die du auch meistern kannst.“ Ein Satz, der mich seither begleitet.
Nicht nur als Beruhigung, sondern auch als Einladung.

Was ist Coaching eigentlich?

Diese Frage begleitet mich seit mindestens 15 Jahren. Lange Zeit habe ich mich dabei ertappt, mich abgrenzen zu wollen. Von all jenen, die ihre Erfahrungen weitergeben und das Coaching nennen. Oder diejenigen, die nur Expertise schulen. Denn ich spürte: Coaching ist mehr als das.

Coaching bedeutet, einem anderen Menschen einen Raum zu eröffnen.
Einen Raum, in dem Denken, Fühlen und neue Handlungsperspektiven möglich werden. Und diesen Raum kann ich nur so weit öffnen, wie ich ihn selbst in mir trage.

Vom Plan zur Praxis.

Wenn ich zurückblicke, begann mein Weg ins Coaching nicht mit Klarheit,
sondern vielmehr ganz Ökonomin-like mit einem sehr gut durchdachten Plan.
Ich war ursprünglich im HR tätig, habe mich nebenbei intensiv aus- und weitergebildet und irgendwann den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Mit Businessplan. Zielgruppenanalyse. Marktstrategie. 

Mein mutigster Plan A. Nur:
Die Realität hielt sich nicht besonders daran. Die Praxis ist bekanntlich kreativer als jedes Konzept. Und vieles von dem, was ich seither erfahren und gelernt habe, lässt sich nicht planen. Man kann höchstens den Boden vorbereiten.

Die Kunst, nicht zu wissen.

Mit den Jahren wurden die Themen komplexer. Und die Momente des Nicht-Wissens blieben. Hmm ich glaube sie nahmen sogar zu. Auch gewollt. Der Unterschied ist, dass ich sie heute anders erlebe. Nicht mehr als Lücke, die ich raschmöglichst professionell füllen sollte, sondern als Raum. Ein Raum, in dem sich etwas zeigen kann, das vorher noch keinen Namen hatte.

Vielleicht bedeutet Professionalität im Coaching auch, genau diese Räume halten zu können. Nicht sofort zu füllen. Nicht vorschnell zu verstehen, sondern auszuhalten, dass etwas noch im Entstehen ist.

Resonanz statt Methode

Ein Begriff, der für mich heute sehr gut zu Coaching passt, ist Resonanz. Resonanz entsteht, wenn uns etwas berührt, wir darauf antworten und uns dadurch auch selbst verändern. Das Entscheidende daran ist, dass sie sich nicht herstellen lässt. Sie ist unverfügbar, 

Und vielleicht ist genau das der Kern von Coaching. Wir sind nicht einfach neutrale Beobachter, die eine Methode anwenden. Durch unsere Präsenz, unsere Wahrnehmung und unsere Fragen wirken wir mit an dem, was entsteht.

Handwerk. Und Kunst.

Coaching ist ein Handwerk. Es braucht Methoden, Struktur, Erfahrung. Und gleichzeitig ist es mehr als das. Im Kern ist es eine Kunstform für mich.
Eine Kunst, die nicht darin besteht, etwas zu produzieren, sondern einen Raum zu öffnen, in dem Entwicklung möglich wird.

Ein leises Wachstum

Als ich Anfangs März im Wald unterwegs war, stand ich plötzlich mitten in einem Meer von Märzenglöckchen. Diese Blumen gehören zu den ersten, die im Jahr erscheinen. Sie sind ein Zeichen, dass etwas längst begonnen hat zu wachsen. Auch wenn man es vorher noch nicht gesehen hat.

Vielleicht ist es im Coaching ähnlich. Vieles von dem, was sich zeigt,hat schon lange begonnen. Wir machen es nicht. Aber wir helfen, dass es sichtbar werden kann.


Und es bleibt eine Frage

Was ist Coaching für Sie? Vielleicht verändert sich Ihre Antwort mit jeder Begegnung, mit jedem Gespräch, mit jedem Moment, in dem etwas kurz still wird.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas.

*Ausschnitt aus meiner Begrüssungsrede anlässlich der Diplomfeier der betrieblichen Mentor:innen und Beratungspersonen Coach/Supervisor:in Höhere Fachprüfung HFP im März 2026

 

 

 

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