Warum moderne Führung mehr als nur Methoden braucht.
Ich schreibe diese Zeilen in Bologna. Zwischen (zu) viel zu guter! Nahrung für den Bauch finde ich hier vor allem auch eines: Nahrung für Herz, Geist und Seele. Wer durch diese geschichtsträchtigen Strassen wandert, spürt schnell, dass hier auch Wurzeln unserer modernen Bildung liegen und vielleicht auch ein wichtiger Schlüssel für die Herausforderungen heutiger Führungskräfte?
Bildung als Reifeprozess des ganzen Menschen
Ein paar Strassen weiter von da wo ich gerade exquisite Tortellini und ein Tiramisu geniessen durfte, liegt die älteste Universität der westlichen Welt, gegründet im Jahr 1088.
In diesen Hallen spürt man: Bildung wurde hier nie nur als das Sammeln von Fakten verstanden; es war mehr. Besonders im Anatomischen Theater wird das spürbar: In diesem prachtvollen, holzgetäfelten Raum sassen einst Mediziner, Juristen, Astronomen und Philosophen gemeinsam auf den Bänken. Es ging nicht nur um das Sezieren von Körpern, sondern um das gemeinschaftliche Staunen und Lernen über die Ganzheitlichkeit des Lebens.
Laura Bassi: Eine mir bisher unbekannte Pionierin
In der Bibliothek stiess ich unter anderem auf die Geschichte von Laura Bassi (1711–1778). Sie war eine Pionierin in so vielem: Mit gerade mal 21 Jahren erlangte sie als erste Frau überhaupt einen Doktortitel in den Naturwissenschaften und wurde die weltweit erste Professorin für Naturphilosophie; sogar inklusive fixem (zwar tiefem) Gehalt. Und dann viel später, mit 65, folgte der offizielle Lehrstuhl für experimentelle Physik.
Was mich an ihr so fasziniert – neben dem, dass ich zuvor nie von ihr gehört hatte – ist ihr Mut und ihre Experimentierfreude. Sie wollte die Welt nicht nur theoretisch verstehen, sondern begreifen. Sie war eine unermüdliche Forscherin (Thema Blitzableiter u.a.), die zudem acht Kinder bekam. Besonders schlau war zudem wohl ihr Gespür für Netzwerke: In einer Zeit, in der Frauen in der Wissenschaft kaum angesehen waren, wusste sie, welche Menschen sie ansprechen musste, um Wirksamkeit zu entfalten. Sie nutzte den damaligen Rahmen der Universität, in dem Astronomie, Mathematik und Philosophie noch eine Einheit bildeten, und füllte ihn soweit möglich mit ihrer eigenen Kraft.
Wenn Methoden an ihre Grenzen stossen
Warum mich das beschäftigt und was das nun mit der heutigen Zeit zu tun hat? Ich möchte diese vergangene Zeit keineswegs romantisieren; sie war voller Barrieren und starrer Hierarchien. Doch was ich daraus ziehe, ist die Inspiration für das, was sich heute lebendig anfühlt.
In unserer modernen Arbeitswelt haben wir die ursprüngliche Einheit der Wissenszweige oft vergessen; sie hatte wohl keinen Platz im analytischen „Auseinandernehmen“ der Moderne. Dank Spezialisierungen verfügen wir heute zwar über eine beeindruckende Palette beispielsweise an Management-Methoden, agilen Frameworks und Prozess-Strukturmodellen – ein unverzichtbares Fundament unserer Arbeit. Doch oft bleiben wir bei reinem Methodenwissen stehen.
Wahre Professionalität beginnt für mich dort, wo die Tools an ihre Grenzen stossen: in der inneren Dimension und in den stillen Räumen des Nichtwissens. Es geht darum, wie Laura Bassi den Mut zur Integration zu finden. Nicht nur „mehr“ zu wissen, sondern auch vertikal zu wachsen.
Der Resonanz-Circle: Führungseinsamkeit im Kollektiv überwinden
Das Entscheidende dabei ist: Wir müssen das nicht alleine tun. In meinen Resonanz-Circlen machen gerade die anderen Menschen im Raum den Unterschied. Es ist die Kraft der Gruppe, die uns spiegelt, uns hält und uns aus der (Führungs-)Einsamkeit herausholt. Wir nutzen die Gruppe als Resonanzkörper, um blinde Flecken zu lösen und an echten Führungsfragen zu wachsen. Es ist ein Lernen im Sinne von „knowing with more of you“. Ein Wissen, das den ganzen Menschen und die Kraft des Kollektivs einbezieht.
Also dann – Saluti aus der Gelehrten- und kulinarischen Hauptstadt Italiens!
Ab dem 30. März bin ich wieder zurück und freue mich darauf, mit euch in diese Tiefe zu gehen und noch ein kleiner Hinweis: Für den Start des nächsten Circle am MI 15.04. ist wieder ein Platz frei geworden.





