Montagmorgen-Zeit-Gedanken
Aus eigener Erfahrung und aus Beobachtungen kenne ich zwei unterschiedliche Arten Zeit zu erleben.
Die eine ist stark funktional geprägt. Der Wecker klingelt und die durchgetaktete Woche beginnt. Von MO bis FR wird gearbeitet, organisiert, erledigt. Dabei wird das Wochenende oft sehnlichst erwartet und die Ferien durchgeplant. Das Leben selbst findet dabei oft eher in einem “Dazwischen” statt: zwischen Terminen, zwischen Todos und dem Warten auf die nächsten freien Tage.
Die andere Art ist zwar auch – aber einiges weniger – durch den Kalender bestimmt. Dabei zeigt sich Zeit stärker im Moment: im Wetter, in der Energie, in dem, was gerade möglich ist und sich zeigen mag. Nicht alles ist im Voraus festgelegt, sondern entsteht situativ.
Und beide Zeiterlebens-Arten existieren nebeneinander. Das Funktionale schafft Struktur, Verlässlichkeit und ermöglicht Zusammenarbeit. Ohne dieses Geplante würde einiges nicht funktionieren. Dagegen schafft das Lebendige Gegenwärtigkeit und Spontaneität sowie die Voraussetzung für Resonanz. Ohne dies fühlt sich vieles leer, nicht ganz vollständig oder stimmig an.
Herausfordernd wird es dort, wo das Funktionale so dominant wird, dass das Lebendige selbst NUR noch „dazwischen“ stattfindet. Wenn Gespräche geplant sind. Oft Wochen im voraus. Wo Pausen effizient werden und sein müssen und “freie” Zeit ihren Charakter verliert, weil sie bereits verplant ist.
Es geht weniger um Work-Life-Balance, sondern um eine andere Beziehung zur Zeit. Und gleichzeitig zu uns selbst und zu unseren Bedürfnissen. Und vielleicht nicht darum, das Funktionale zu überwinden, sondern es durchlässiger zu machen. Denn Lebendigkeit ist nicht das Gegenteil von Struktur. Sie ist das, was Struktur lebendig hält.
Die Autorin Annie Dillard hat es einmal so formuliert: “How we spend our days is, of course, how we spend our lives.” So wie ich Zeit erlebe, so lebe ich mich.
Dein Alltag ist dein Leben. Deine Zeiterfahrung ist deine Lebensbeziehung. Und darum meine Frage an diesem Montagmorgen: „In welchen Momenten dieser Woche darf das Lebendige bei dir die Führung übernehmen, statt nur im Dazwischen stattzufinden?“