August 2

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Vorwärtskommen. Wenn die Leiter nicht mehr das alleinige Ziel ist

By Bianca Merz

August 2, 2025

innerwork, Purpose, sinn, Vertikale Entwicklung, Ziele erreichen, zukunft der arbeit

Vorwärtskommen. Wenn die (Karriere-)Leiter nicht mehr das alleinige Ziel ist.

In den letzten Tagen habe ich denselben Satz zweimal gehört:
„Ich komme gar nicht mehr vorwärts.“ Beide Male von Menschen aus meiner Generation X, beide Male wie eine Entschuldigung. Gemeint war nicht innerer Stillstand, sondern keine neuen Titel, keine grösseren Teams, kein höheres Salär und, im Vergleich zu anderen, auch kein Haus, kein Ferienhaus, kein Boot undsoweiter …

Und während diese Gespräche noch nachklangen, fiel mir eine Szene aus dem Frühling ein: Ein Mann, zwanzig Jahre älter als ich, sagte zu mir: „Bianca; also du mit deinem Wissen, deiner Erfahrung und deiner Art könntest längst einen ganz anderen Titel tragen.“ Das hat mich erstaunt und das sass. Nicht, weil ich den Satz nicht ernst nahm, sondern weil ich seit über zehn Jahren selbständig tätig bin und Erfolg für mich längst eine andere Bedeutung hat.

Und so wurde mir heute vormittag bewusst: wir sprechen oft vom Vorwärtskommen und meinen bei Weitem nicht dasselbe.

Horizontales und vertikales Bewegen

In meiner Arbeit und auch für mich persönlich unterscheide ich zwei Formen von Entwicklung und Vorwärtskommen: Zum einen das horizontale Bewegen: das ist das, was die meisten spontan unter Vorwärtskommen verstehen:

– Mehr Wissen, Tools, Methoden (Zertifikate)
– Mehr Verantwortung
– Mehr Umsatz, Budget oder Salär
– Mehr Status

Es ist die Bewegung, die nach aussen sichtbar, messbar, vergleichbar ist. Sie kann Türen öffnen, Chancen schaffen, Einfluss ermöglichen. Aber sie hat eine Begrenzung: Egal, wie hoch du kletterst, die Leiter steht immer an derselben Wand.

Und dann gibt es das sogenannte vertikale Bewegen: das ist die Entwicklung in der und die Tiefe:

– Mehr Bewusstheit
– Mehr innere Freiheit 
– Mehr Gelassenheit und Klarheit
– Mehr Fähigkeit, Komplexität zu halten

Diese Bewegung ist oft unsichtbar. Sie verändert nicht unbedingt deine Visitenkarte aber sie verändert dich. Es ist die Reise in deinem inneren Raum. Und dieser Raum ist grenzenlos.

Bewegen im Wandel der Zeit

Vorwärtskommen ist kein starres Konzept, Es kann je nach „Brille“ aus der ich die Welt betrachte oder Epoche anders interpretiert werden:

Spirituell: Der Weg als Heilreise
In religiösen Traditionen bedeutet Vorwärtskommen, Gott näherzukommen, Erleuchtung zu finden und inneren Frieden zu erreichen. „Geh in meinem Namen, und ich führe dich heim.“ Pilgerwege, Gebete und Rituale stehen für Läuterung statt für Besitz.

Philosophisch: Die Reise zur Wahrheit
Aristoteles sprach von innerer Vollendung, Kant forderte den „Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Vorwärtskommen hiess: wacher denken, tiefer verstehen. Von Aristoteles‘ Streben nach Vollendung bis zu Kants Appell zur Mündigkeit bedeutete es, den eigenen Verstand zu entfalten und der „Wahrheit“ näherzukommen. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Gesellschaftlich: Die Leiter erklimmen
Mit der Industrialisierung wurde Erfolg messbar. Geld, Titel, Besitz. Vorwärtskommen bedeutete: höher hinaus als die Generation vor dir (oder als deine Kolleginnen und Kollegen). Karriere, Besitz und Status wurden zu den zentralen Erfolgskriterien. Was zählt: „Höher, schneller, weiter.“

Psychologisch: Wachsen, um mehr zu werden
Im 20. Jahrhundert rückte die innere Entwicklung in den Fokus. Soziologen und Psychologen wie Maslow und Fromm stellten die Frage: Wer willst du sein? Das Ziel war nicht nur Haben, sondern Sein.„Werde, wer du bist.“

Heute: Vom Sprint zum bewussten Schritt??
Das „Karriere-ist-alles“-Narrativ wird zunehmend hinterfragt. Zumindest nehme ich das so wahr und darum finden Führungskräfte den Weg zu mir in Coachings oder andere Entwicklungsräume. Vorwärtskommen heisst heute oft: bewusster (nachhaltiger und gesünder) leben, langsamer gehen, tiefer wirken. „Nicht weiter um jeden Preis, sondern bewusster.“

Worum geht es denn nun eigentlich?

Vielleicht ist Bewegen kein Rennen, das wir gewinnen müssen. Vielleicht ist es eher ein Tanz, bei dem wir selbst entscheiden (oder manchmal auch einfach das Leben für uns entscheidet…), wann wir einen schnellen Schritt machen und wann wir stillstehen, um den Blick zu heben?  Zen-Meister Shunryu Suzuki sagte einmal: „Es gibt im Grunde nichts zu erreichen. Du bist schon vollkommen.“ Und Pfarrer Ernst Sieber selig klingt nach wie vor in meinen Ohren mit seinem Spruch: „S letschte Hämp hät kei Täschä“. 

Was bleibt also?

Nicht der Titel. Nicht das Haus. Nicht die LinkedIN-likes, Nicht das Ferienhaus. Sondern die Spuren, die wir in Herzen hinterlassen und die Klarheit, die wir in uns selbst finden.

Und doch – beides gehört zusammen! Es geht nicht um ein entweder oder.

Horizontales Bewegen also sich Wissen anzueignen, neue Methoden zu lernen, Werkzeuge zu beherrschen UND vertikales Bewegen wie dieses Wissen zu verinnerlichen, es mit Erfahrung zu verweben und daraus eine innere Haltung zu formen. Ohne das eine fehlt dem anderen die Kraft. Horizontales Bewegen ohne Tiefe bleibt oberflächlich. Vertikales Bewegen ohne neue Impulse kann leer kreisen.

Vielleicht lohnt es sich, uns öfter zu fragen:

– Bin ich gerade auf einer Leiter oder an einem inneren Berg? Und:
– Muss ich eigentlich irgendwo ankommen oder darf ich einfach unterwegs sein?


Ich glaube (und muss mir das selbst auch immer wieder versichern wenn ich zu sehr ins Vergleichen abdrifte ;-)): am Ende zählt nicht nur, wie weit wir kommen, sondern wie bewusst und lebendig wir gehen.

Denn was nützt die höchste Sprosse, wenn wir das Leben auf dem Weg dorthin verpasst haben?


Am Berg Ende Juli 2025

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  • Danke liebe Bianca für diesen tollen Beitrag! Ich finde die Perspektive sehr schön, dass horizontale und vertikale Entwicklung sich gegenseitig beeinflussen/brauchen und es lässt auch zu, dass die Entwicklung für jeden Menschen individuell ist. Den Spruch mit dem letzten Hemd würde ich mir dabei glatt an die Pinnwand in der Küche schreiben, er kann so viele scheinbar wichtige Alltagssorgen in den Schatten stellen. Danke für deine immer tollen und positiven Impulse!!

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