Oktober 4

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Zwischen Sturm und Ahorn-Propellerli

By Bianca Merz

Oktober 4, 2025

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Wochenrückblick vom 04.10.25: Zwischen Spiel dein Leben, Hirnforschung und Jane Goodall

Seit zweieinhalb Stunden sitze und liege ich auf einer Wiese im Rieterpark und geniesse die Sonne, die sich heute endlich mal wieder für ein paar Stunden durch die Nebel- und Wolkendecke gewagt hat. Langsam, aber sicher zieht ein Herbststurm auf, und mit ihm tanzen die Ahorn-Propellerli spiralförmig durch die Luft. Trockene Lindenblüten rieseln langsam herab, wie flüsternde Impulse, die uns daran erinnern, dass selbst Kleines und Leises Wirkung hat. Die runden Früchte mit ihren kleinen Flügeln tanzen über den Boden, als wollten sie mir zeigen: Alles im Leben bewegt sich und findet seinen Platz im Rhythmus der Natur. Über mir fliegen die Ferienflieger hoch hinaus – vermutlich in die Sonne – fort von dem Hier, von der eigenen Wahrnehmung. Vielleicht fliehen wir, weil wir uns selbst nicht spüren, weil Ruhe, Schönheit und Lebendigkeit kaum Platz haben und die kleinen Wunder um uns herum übersehen.

Meine Gedanken schweifen ab in die vergangene Woche, und was davon noch so präsent ist:

Alte Muster, neue Chancen

Dienstagabend: ein Online-Impuls mit Nando Stöcklin unter dem Titel „Alte Muster, neue Chancen“, kompakt wie in seinen Seminaren. Er sprach über den Übergang vom Industrie- ins digitale Zeitalter und darüber, wie wir uns darin orientieren. Wir handeln leider noch immer nach Massstäben aus dem Industriezeitalter. Wer erinnert sich nicht an die Zeugnisse der 70er- und 80er-Jahre, mit Beurteilungen bezüglich Fleiss, Ordnung, Betragen und Effizienz? Heute wären Kreativität, Empathie und ein feines Gespür für das Lebendige gefragt.

So viele Menschen leben noch, um die Leistungs- und Erfolgserwartungen anderer zu erfüllen. Ihr Antrieb ist Status und Belohnung. Bei manchen bereits auch der Sinn, bei noch wenigen die Freude. Doch das Erfolgsprinzip im digitalen Zeitalter ist, seine Freude und Einzigartigkeit zu leben – wie Jane Goodall, die uns vor wenigen Tagen verlassen hat, uns vorgelebt hat, indem sie ihr Leben dem Lebendigen insgesamt und ihrer Leidenschaft widmete. Wer erfüllt ist von innen, braucht weniger von aussen. Weniger Konsum, weniger Flucht in die Sonne, weniger das Streben nach Applaus, weil das eigene Tun bereits reich beschenkt. Dabei geht es nicht um Egoismus, sondern um eine andere, lebensvollere Welt, eine Welt mit zufriedeneren Menschen, mehr Freude, mehr Gesundheit.

Seit Jahren übernehmen zunehmend Maschinen Routineaufgaben, und wir könnten wieder spielerischer, lebendiger, menschlicher sein. Mehr Zeit haben, gesünder leben, mehr Leichtigkeit, mehr Kreativität, mehr Freude am Tun. So wie in Nandos „Spiel dein Leben“, das seiner Zeit wohl nach wie vor etwas voraus ist.

Doch die meisten Transformationen und sogenannte entsprechende Zukunftsgestalter bewegen sich noch immer ausschliesslich im Äusseren, in neuen Tools, Methoden und Skills. Ein Upgrade im Innen, quasi in der Software; die Reflexion, die innere Haltung, das eigene Bewusstsein, wird oft vergessen. Dabei sind gerade diese inneren Kompetenzen entscheidend, um Veränderungen nachhaltig und lebendig zu gestalten (darum gibt es auch die Innerdevelopmentgoals mit denen ich in Unternehmen und mit Einzelpersonen arbeite) . Denn alle sind ja irgendwie gestresst, getrieben von Terminen, Erwartungen und dem Drang nach Kontrolle, und verlieren leicht den Bezug zu dem, was wirklich zählt.

Hirnhälften und Hemisphären

Mittwoch: Ich lese wieder einmal ein Interview mit Dr. Iain McGilchrist, dessen Gedanken und Bücher ich seit längerem verfolge. Er schreibt aus Erfahrung als Hirnforscher. Wir haben bekannterweise zwei Hirnhälften; die linke analysiert, kontrolliert, kategorisiert, denkt in Schwarz-Weiss; die rechte staunt, nimmt Zusammenhänge wahr, achtet auf das Lebendige, das Leise, das Übersehene. McGilchrist erinnert uns daran, dass beide Hemisphären notwendig sind, um die Welt wirklich zu verstehen, und dass unser grösstes Problem heute darin liegt, dass die linke Hemisphäre das Kommando übernommen hat. Gesellschaften, die zu stark linksdominant sind, verlieren Weisheit und Einsicht, werden mächtig, aber unharmonisch. Beispiele aus Griechenland, Rom und dem heutigen Westen zeigen, wie der Fokus auf Macht, Bürokratie und explizite Regeln den Kontext, den Sinn und die Schönheit verdrängt. Alles Wesentliche ist oft implizit – Kunst, Musik, Architektur, Liebe, Religion, Mythos – und wenn wir alles explizit machen, verlieren wir den Sinn.

Für ein gesundes Leben brauchen wir drei Beziehungen: zu Menschen und Gemeinschaft – teilen, feiern, leben; zur Natur – Teil des Ganzen sein, Schönheit wahrnehmen; und zum Göttlichen oder Kosmos – Sinn jenseits des Ich erkennen. Ohne diese Beziehungen entstehen Angst, Orientierungslosigkeit und mentale sowie physische Störungen. Was also bedeutet, dass Bildung diese Ganzheit fördern muss. Individuell gilt es, das eigene Wahrnehmen zu schärfen und die rechte Hemisphäre wieder aktiv zu aktivieren – und das geht ganz einfach und ohne Geld nämlich Staunen, Beziehungen zu sich und anderen pflegen, Sinnhaftes gestalten.

Meine Welt 🙂 – Räume öffnen und halten

In dieser Woche durfte ich zudem selbst Räume öffnen für Menschen, die sich auf den Weg machen – kleine, nährende Räume in Unternehmen, in denen Reflexion, Aufmerksamkeit und Begegnung im Vordergrund stehen. Es sind zwar nur wenige Stunden, doch sie sind voller Leben, in denen Vertrauen, Präsenz und Verbindung spürbar werden. Rückschläge gehören dazu, doch sie entmutigen nicht. Sie zeigen, dass der Weg selbst die Richtung weist – wie jeder Wirbelwind, der die Samen fortträgt, seinen eigenen, unverwechselbaren Pfad findet.

Staunen, spüren und Dr. Jane Goodall

Und dann denke ich wie so oft in dieser Woche an Jane Goodall und ihr eindrückliches Sein und Tun, die uns nicht nur an das Menschliche erinnert, sondern an das Leben, an das Lebendige insgesamt. Verantwortung übernehmen, Empathie zeigen, für alles Leben eintreten, damit alles wachsen, gedeihen und wirken kann, so wie der Wald, der sich Jahr für Jahr erneuert, ohne dass jemand ihn zwingt.

Während ich hier sitze, merke ich, wie mich diese Zeit im Park geerdet hat. Alle To-Dos habe ich beiseitegelegt, einfach geschenkt bekommen diese Momente des Sehens, Fühlens, Staunens. Ich fühle mich aufgetankt, zentriert, verbunden. Vielleicht könnte die Welt langsamer, echter, bunter, lebenswerter werden, wenn wir uns erlauben, hinzusehen, zu spüren, zu spielen und zu staunen. Ohne steten Druck, ohne Appell, nur durch unsere Präsenz, durch diese stille Aufmerksamkeit, die wir uns schenken.

Zum Glück wohne ich nur sieben Fussminuten von hier. Es fallen bereits dicke Tropfen, und ich hoffe sehr, dass ich nun trocken nach Hause komme.

Anlässlich des Pioneer of Change Summits am 11.03.2021
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Im Rieterpark - Samstagnachmittag
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