Ein simpler Kniff für wirksame Jahresgespräche

„Nur in der Stille hören wir uns“ H.U. Bänziger, Schweizer Psychologe und Schriftsteller

In einigen Unternehmen gehört das Jahresgespräch anhand eines standardisierten Fragebogens zur Routine. So auch im Unternehmen, in welchem der 52jährigen Christoph seit 10 Jahren als Senior Manager tätig ist und einen Geschäftsbereich führt.

Routinegespräche kreativ umgestalten

Es ist Anfangs November 2022. Christoph sitzt mir im Coachingbüro gegenüber. Sein heutiges Hauptanliegen betrifft die Vorbereitung der Jahresgespräche mit seinen 14 Direktunterstellten. Christoph möchte verhindern, dass die Gespräche – wie bisher oft – einfach noch vor Weihnachten durchgezogen werden, damit die vom HR vorgegebenen Termine eingehalten werden. Es sei leider über die Jahre zu einem „täglich-grüsst-das-Murmeltier-Spiel” verkommen.

Zu Beginn definieren wir, was Christophs Absicht und Motivation ist. Warum er die Gespräche führen möchte und welchen Mehrwert diese für alle Beteiligten bringen sollen. Als zweiten Schritt skizzieren wir den Rahmen vom Gestalten der Einladung zum Gespräch bis zum Durchführungsort und der Nachbearbeitung. Und zuletzt ergänzen wir den vorgegebenen Fragebogen um gezielte Fragen, welche den beabsichtigten Mehrwert sowie ein wertschätzendes und kreatives Vorgehen unterstützen. Nach dieser theoretischen Gestaltung gehen wir in die Praxis über und simulieren ein Gespräch. Ich spiele dabei die Mitarbeiterin.

kleiner kniff

Mir fällt auf, dass Christoph sehr viel Gesprächszeit in Anspruch nimmt. Nicht, dass er mir nicht zuhören würde, jedoch taktet er das Gespräch sehr eng. Auf meine Frage ob dies heute in diesem künstlichen Setting eine Ausnahme sei meint er: „Oh nein! Das ist tatsächlich etwas, was mich stresst. Meine Mitarbeitenden sind alle eher wortkarge Menschen und so rede ich viel und bringe auch Vorschläge, wenn auf meine Fragen keine Rückmeldungen folgen.“

“Übe dich in Stille aushalten”. Lautet mein Tipp, den ich Christoph mitgebe. Und “lass dich überraschen, was sich zeigt und was du von deinen Mitarbeitenden zu hören kriegst”.

Kurz erkläre ich aus meiner Erfahrung, warum dies Sinn machen könnte gerade auch für Führungspersonen. „Als Coach ist Stille aushalten können, die Voraussetzung dafür ist, dass Erkenntnisse auch als innere Erfahrungen gemacht werden können. Denn nur in der Stille kann mein Gegenüber nachdenken und -spüren. Das gilt aber auch für mich als Coach selbst, denn auch ich muss auf meine Gedanken und Gefühle achten, damit ich nicht meine Erfahrungen unbewusst mit in das Anliegen meines Gegenübers einfliessen lasse.“

Ich erkläre Christoph, dass ich oft höre, dass Führungskräfte aus Effizienz- oder Zeitdruckgründen in Gesprächen zu rasch voranschreiten und Antworten geben oder Antwortvorschläge liefern, weil die Stille, das Nachspüren und -denken des Gegenübers gefühlt zu lange dauert. Ich rate ihm, nach seinen Fragen jeweils die Momente der Stille noch etwas länger auszudehnen, als er glaubt, dass es “normal” sei. Er solle ab dem Moment, in welchem er eigentlich eine Antwort geben möchte, innerlich von eins bis fünf zählen. Und warten.

grosse wirkung

Inzwischen ist Mitte Dezember 2022: Christoph und ich sitzen uns wiederum gegenüber. Ich frage ihn wie die Jahresgespräche verlaufen sind: “gut” meint er nur. Ich hake nach und möchte wissen, wie hoch%ig er seinen Redeanteil einschätzen würde. Christoph beginnt zu strahlen und ohne meine Frage wirklich zu beantworten sprudelt es nur so aus ihm raus. “Das war ein sehr hilfreicher Tipp! Ich habe jeweils gemerkt, wenn ich wieder zuviel quasselte und übte mich im Still sein und ich war so überrascht was sich alles an Neuem gezeigt hat und welche Ideen meine Mitarbeiter hatten. Es hat mir richtig Freude gemacht und auch die Rückmeldungen der Mitarbeiter zur Gesprächsgestaltung waren durchwegs positiv! Nach wie vor waren sie inhaltlich längst nicht mit allem, was das Unternehmen so plant, einverstanden, aber zumindest hörte ich viel früher, was sie beschäftigt. Das ist unglaublich wertvoll.“

Es braucht manchmal so wenig. Nur ein kleiner Kniff. Und der hat mehr mit LASSEN als mit TUN zu tun. Das entspannt, oder?

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