Stellst du schon Fragen oder antwortest du noch?

Als Prozessbegleiterin, als Coach und als Mitgestalterin in Wandel-Gruppen gehören Fragen zu meinem Alltag. Fragen sind ein wichtiger Antreiber. Denn wenn ich zu allem bereits Antworten hätte, gäbe es nichts Neues zu entdecken und erfahren.

Umso mehr erstaunt mich, dass viele eher selten Fragen stellen, lieber selber reden und damit Antworten geben. Teilweise solche, nach denen keiner gefragt hat. Sie verpassen damit Lernchancen. Sie verpassen es, Wissenswertes zu erfahren, Spannendes und Unerhörtes, Lustiges, Merkwürdiges und Inspirierendes. Neue Ideen und Projekte entstehen nur, wenn ich Fragen stelle und aufmerksam zuhöre.

Warum fällt es uns einfacher zu antworten als zu fragen?

Da kann ich nur aus meiner Erfahrung eine Hypothese bilden: In meiner Schulzeit (das war in den 80-Jahren und ist heute anders) war ich selten in Lernumgebungen, in welchen die Entwicklung von Fragen gefördert oder wir Kinder zum Fragen ermuntert wurden. Mein Verlangen zu fragen, wurde relativ früh im Schulsystem unterbunden. Paradoxien und Widersprüche, die die so Welt mit sich bringt, hatten keinen Raum. Ebensowenig das gemeinsame Entwickeln oder Erspüren von möglichen Antworten. Vielmehr waren „richtige“ Antworten gefragt.

Fragen stellen setzt Vertrauen voraus sowie eine Verbundenheit zu anderen Menschen. Ich kann mich nur an eine Lehrperson erinnern, bei der ich mich traute, Fragen zu stellen. Denn mit einer Frage zeige ich mich oft viel mehr als mit einer Aussage. Eine Frage drückt etwas von der Verletzlichkeit des Unwissens aus, es hat etwas von „Blösse zeigen“. Gleichzeitig signalisiere ich Bereitschaft, mich für Neues zu öffnen. Dies wurde mir alles erst viel später bewusst und hat mir eine neue Welt eröffnet. Und ich durfte zuerst sehr viel an mir selbst arbeiten und üben, bevor ich als Coach tätig werden konnte. Ich wollte und will coachen/ermöglichen/ermutigen und selber weiter wachsen und lernen, nicht nur beraten/überzeugen/verkaufen und stehenbleiben.

Ein weiterer Grund könnte sein, dass Hinterfragen nicht immer willkommen ist. Manchmal fühle auch ich mich durch Fragen verunsichert, oder sogar angegriffen. Fragen zweifeln etwas an und können als Kritik oder auch als anstrengend empfunden werden. Dies können Antworten zwar auch, wenn wir mit Meinungen oder Fakten konfrontiert werden, die unser Weltbild erschüttern.

Mut, Kreativität und Offenheit

Ich bin überzeugt, wer öfter und mutiger fragt und nachhakt, profitiert und vermeidet Missverständnisse. Durch Fragen entdecken wir unverhoffte Verbindungen und erfahren viel Neues! Ja, ich wiederhole mich. Wir erfahren und erleben, dass uns Menschen vielmehr verbindet als wir äusserlich vermuten würden. Dies zeigt eindrücklich dieser Kurz(Werbe)-Film.

Wir dürfen und müssen wieder lernen, Fragen wertzuschätzen. Wie das gelingen kann? Hier ein paar Ideen aus meiner Praxis. Indem ich …

  • einen vertrauensvollen Rahmen und Raum für Fragen schaffe
  • mich mit möglichst diversen und immer wieder neuen Menschen austausche und von ihnen inspirieren lasse
  • mit offenen Augen durch die Welt gehen und vermeintliche Gegebenheiten und Routinen in Fragen stelle
  • mich durch kreative Umgebungen inspirieren und irritieren lasse – bspw. bei Ausstellungen oder durch Menschen deren Blog oder Newsletter ich “folge”

Fragen braucht Zeit

Und es entschleunigt! Und das kann uns aktuell nicht schaden…

Dazu zum Abschluss R.M. Rilke, in seinem Brief an einen jungen Dichter: “Über die Geduld”

Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären. Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch! Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit. Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, diein einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“

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