Lebensmitte; eine Lebensphase voller Spannung und Heraus-Förderung

Im Frühjahr 2020 blätterte ich im Buch «Für ein Alter, das noch was vorhat» des Zürcher Philosophen Ludwig Hasler und blieb an einer Textzeile hängen, welche aussagte, dass im Alter von 46 der Tiefpunkt im Leben sei. Ich hatte vor wenigen Wochen exakt diesen Geburtstag gefeiert. Die Aussage triggerte mich und ich begann zu forschen, nachzudenken und -spüren. Dazu nun meine halb-wissenschaftlich und subjektiv-gefärbten Gedanken welche für mich die Aussage schlussendlich bestätigen. Mit der wichtigen Ergänzung, dass es sich von einem Tiefpunkt wunderbar steigern und in etwas Neues hineinwachsen lässt!

Wahrnehmung des Lebensverlaufs

In meiner Erinnerung aus Schule und Studium sehe ich den Lebenslauf als eine erst auf- und dann absteigende Treppe dargestellt, in welcher die Lebensmitte auf dem höchsten Punkt ist. Sind Menschen in der Lebensmitte (ca. 40 – 55- jährig) wirklich auf dem Zenit? Dies kann man erstens nicht verallgemeinern und zweitens beurteile ich das als einseitig wirtschaftliche Betrachtungsweise. Denn in der Regel ist in diesem Alter auch die berufliche Macht, Verantwortung und der Einfluss am höchsten. 

Gleichzeitig werden die Grenzen der eigenen körperlichen Ressourcen erstmals bewusst realisiert. Ebenso das allmähliche Schwinden der beruflichen Optionen (in Bezug auf das angestellt sein) oder das enger werdende Lebenszeitfensters. Oft gepaart mit einem gewissen Überdruss hinsichtlich verschiedener sozialer Rollen die man übernommen hat. Es ist eine Zeit der Veränderungen. Der gewollten und der nicht-gewollten. Die meisten meiner Outplacement-Kunden*innen befinden sich in diesem Altersrange. Zeiten der Veränderung können verunsichern. 

Stammt daher die sogenannte Midlife Crisis? Und gilt dies für alle Menschen?

Dazu gibt es viele Ansichten und ich habe unter anderem gelesen, dass es lediglich ein Phänomen westlicher Gesellschaft oder ein Pseudoproblem sei. Dies ist unfair gegen über all jenen, die in dieser Umbruchsphase sind und diese als belastend empfinden und zudem wissenschaftlich nicht stichhaltig. Eine Studie der Sozialwissenschaftler Blanchflower und Oswald (2008) konnte dies belegen. Die Forscher analysierten Datensätze zur Lebenszufriedenheit von über zwei Millionen Personen im Erwachsenenalter aus 80 Ländern. Die Resultate ergaben ein erstaunlich konsistentes Bild: Die Lebenszufriedenheitskurve im Altersvergleich ist U-förmig und war mit einem Tiefpunkt im Alter von 46 Jahren.

Auch wenn die Ergebnisse eindrücklich sind, wäre es unzutreffend, sie als Beweis für eine generalisierte Krise zu werten. Psychische Krisen beziehen sich auf menschliche Reaktionen auf unterschiedliche kritische Lebensereignisse. Es spricht vieles eher dafür, dass es sich hier in erster Linie um eine Art chronischen Stress handelt – beruflich, familiärer oder partnerschaftlicher Art. Und um Unterdrücktes, nicht-Zugelassenes, zu-kurz-Gekommenes welches sich angesammelt hat und darum einen belastet und zu einer Krise führen kann. 

Wandel als Teil der Lebensphasen

Was generalisiert werden kann ist, dass man sich aufgrund des Alters gewisse Fragen stellt und dass es in diesem Zeitraum tatsächlich um eine innere Neuorientierung und -Ausrichtung geht. Die Professorin und Forscherin in Entwicklungspsychologie Pasqualina Perrig-Chiello beschreibt dies im Buch «In der Lebensmitte» folgendermassen:

«Analog zur Pubertät sind die mittleren Jahre eine Herausforderung für die Entwicklung der eigenen Identität. Geht es in der Pubertät um die Findung und Definition einer Identität als Erwachsener, steht beim Übergang in die zweite Lebenshälfte eine Neudefinition der Identität als erfahren reife Person an. Ist die Identitätsfindung in jungen Jahren dadurch gekennzeichnet, sich sozial und gesellschaftlich zu verorten (ein nach Aussen gerichteter Prozess) geht es bei der Neudefinition der Identität in den mittleren Jahren darum, die bisherigen Bemühungen wieder in Relation zu setzen mit den eigenen Bedürfnissen und ursprünglichen Lebensplänen und Zielsetzungen, mit dem Erreichten und dem Künftigen (ein nach Innen gerichteter Prozess).»

Individuelles Erleben und Wahrnehmen

Trotz der unterschiedlichen Wahrnehmung dieser Lebensphase, zeigt sich eine Gemeinsamkeit: Spiritualität wird in irgendeiner Form Thema. Lebensphasenmodelle u.a. des Antroposophen B. Lievegoed bestätigen dies. Der Sinn des Lebens wird thematisiert. Die innersten Visionen, Ideen und Leitbilder laden uns zum Entscheiden ein; was kann weiterverfolgt werden und was darf/muss losgelassen werden. Ich persönlich nehme es so wahr, dass ich lernen darf mein Leben zunehmend aus einer überpersönlichen, höheren Warte aus zu sehen und zu gestalten. Nur so kann ich Kreativität finden. Und ich lasse mich dazu punktuell begleiten. Doch auch da gibt es Unterschiede:

Die einen machen es selber mit sich aus, andere verdrängen das Thema, bei wieder anderen kommt es scheinbar gar nicht wirklich auf und dann gibt es noch diejenigen, welche sich Begleitung in der Standortbestimmung/Neuorientierung organisieren und strukturiert Gedanken zu ihren Leidenschaften, Träumen, Stärken und Werten machen. 

Individueller Umgang und individuelles Handeln

Auch die Reaktion auf das Wahrnehmen ist individuell. Die einen krempeln ihr Leben total um, andere möchten alles so beibehalten, wieder andere haben keine Ahnung, was sie mit dem Rest des Lebens anfangen möchten und warten die Pensionierung ab. Die Gefahr beim Nichtreagieren liegt darin, sich neuen Anforderungen nicht zu stellen. Vor sich selbst und den wirklichen «Aufgaben» fliehen zu wollen und Zweifel mit noch mehr Arbeit, Sport oder anderen Partnern in die Flucht schlagen zu versuchen. Die langfristigen Schattenseiten dieses Tuns können sich in Pessimismus, Erstarrung oder Zynismus äussern. 

Was kann hilfreich sein? 

  • Selbstwirksamkeit; eine Mischung aus guter Selbst-Kenntnis, sich spüren können, Zuversicht, Glauben an die eigene Kraft, sich selber wichtig nehmen und sich Gutes tun, Verantwortung für sein Leben übernehmen
  • Vertrauen; in sich, in das Leben und dass es «chuntwiesmues», dass sich Ziele und Visionen auch im späteren Alter neu zeigen oder verändern dürfen
  • Mut und Offenheit: sich auf den Veränderungsprozess einlassen, Fragen stellen: Was habe ich schon erreicht? Was noch nicht. Worin bin ich gut? Worin nicht? Wie beurteile ich die aktuelle Situation? Forschen, was der rote Faden in der Biographie ist, offen sein für das Ergebnis, neue Bedürfnisse ernst nehmen, sich den Kräften die in uns schlummern hinwenden und das machen, wonach sich unser SEIN sehnt

Wie willst du wirklich leben?

Ich glaube je mehr von uns, sich diese Frage stellen, desto näher kommen wir einer Lebensweise die vermehrt dem Leben entspricht oder dient. Spannend zu beobachten, dass die Generation Y sich diese Fragen schon viel früher stellt als was ich bei mir und der mir gut bekannten X-Generation feststelle. Weist dies auf einen generellen Bewusstseinswandel hin? Alles startet bei und mit uns und darum:

Hab gute Träume und mögen dir deine Träume die nötige Energie bringen für die Veränderung die dein Leben (und somit dies von uns allen) bereichern werden. 

Peäss: Das Wort „Herausförderung“ habe ich in einem Vortrag der Pioneers of Change gehört. Eine wunderbare Wortkreation.

2 Kommentare zu „Lebensmitte; eine Lebensphase voller Spannung und Heraus-Förderung

  1. Hallo liebe Bianca, ich habe auch das Gefühl, dass sich viele jüngere Menschen im Vergleich zu uns älteren (ich bin gerade noch so Baby-Boomer), diese Frage „Wie willst Du leben“ bereits früh stellen. Vielleicht sitzen die jungen Menschen auf den Schultern der älteren und können so weiter sehen. 🙂 Was aber wichtig ist: Jede*r hat sein eigenes Tempo . Und es ist nie zu spät. 🙂 Schöne Grüße. Christian

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    1. Danke, Lieber Christian, das mit dem Tempo und auch mit dem Zeitpunkt ist ein wichtiger Punkt und unterschreibe ich so sofort – und ja, es ist nie zu spät – ein Satz, welchen ich in meinen Coachings oft sage … ;-). Ebensolche Grüsse gen Norden, Bianca

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