Wahrnehmen und Akzeptieren – auch für mich immer wieder eine Herausforderung

Ich bin beunruhigt. Sowohl in der Arbeit mit Kunden*innen, als auch gesellschaftlich nehme ich einerseits eine zunehmende Erschöpfung und andererseits eine Radikalisierung wahr. Manchmal fühle ich mich ob all der drängenden Themen ohn-mächtig und weiss nicht, wo ansetzen. Was kann mein Beitrag für die Gestaltung einer Zukunft sein, die mehr dem Leben dient? Denn ich wünsche mir einen Wandel und nicht eine Rückkehr in die sogenannte «Normalität». 

Was ich die letzten Monate gelernt habe ist, dass ich manchmal besser akzeptiere, dass ich überfordert bin und dass aus diesem Akzeptieren und Loslassen kreative Ideen und Möglichkeiten entstehen können. Akzeptanz als DIE Lösung für den Wandel? Naja, so einfach ist das kaum, aber es ist definitiv ein wichtiger Schritt! Doch zurück dahin, wo ich diesen Gedankengang begonnen habe; zu meinem Unwohlsein:

Wie Unsicherheit erschöpft und lähmt

Immer mehr Menschen in meinem Umfeld sind psychisch erschöpft und das hat viele Ursachen – einige hausgemacht, einige systembedingt, einige typenabhängig. Meine Wahrnehmung, dass Erkrankungen zunehmen, könnte auf eine spezielle Zusammensetzung meines Umfeldes hinweisen. Sie wird allerdings bestärkt durch Aussagen von Psychologen und Psychiater in meinem Netzwerk, welche allesamt ausgebucht sind und keine neuen Patienten*innen aufnehmen. 

Einige der Erschöpfungen haben mit dem individuellen Umgang mit Unsicherheit zu tun. Und dies nicht nur auf die Pandemie bezogen, sondern auch die Unsicherheit in der Arbeitswelt. Der Job auf Lebenszeit ist längst passé. Wir wissen heute noch nicht, welche Berufe morgen gefragt sein werden und das verunsichert – einige mehr als andere. 

Umgang mit Unsicherheit als Kompetenz

Vielleicht ist es ein Vorteil, dass ich mit der Selbständigkeit schon länger mit Unsicherheit leben gelernt habe? Und ja, ich lebe noch 😉 und doch gelingt es mir nicht immer easy damit umzugehen. Es gibt etliche Faktoren die dazu beitragen, dass frau mit Unsicherheit leben (lernen) kann. Ein zentraler für mich ist die Selbst-Kenntnis und eine Akzeptanz von dem was ist und wie ich bin. Dies hilft mir, den inneren Frieden zu wahren, nicht das Vertrauen in das Leben und die Freude daran zu verlieren und mich auf Möglichkeiten fokussieren zu können. Denn es hilft mir nichts, wenn ich zusätzlich zum Auftragsvolumen auch noch die Nerven verliere. 

Auf die Frage, welche Kompetenzen die Arbeitskraft der Zukunft mitbringen müsste, antwortete Barbara Josef – eine Spezialistin in Fragen zur Zukunft der Arbeit – : «Für mich sind drei Dinge enorm wichtig: die Haltung, wie wir mit Unsicherheit umgehen, Selbstlernkompetenz und Eigenverantwortung. Alles andere kann man sich situativ aneignen.

Selbstoptimierung als Lösung?

Also: es ist auch im Angestelltendasein wichtig, nicht nur Up-to-date zu bleiben in inhaltlichen Themen wie bspw. bei der Digitalisierung, sondern gleichzeitig persönlich zu wachsen. 

Und da tut sich ja auch ganz vieles. Ich lese vielerorts gutgemeinte Ratschläge wie man das so tun kann. Ändere deine Einstellung! Setze dir smarte Ziele! Eigne dir ein Growth oder Agiles Mindset an! Lerne etwas über Resilienz, stehe früh auf, jogge, schwimme, faste, meditiere (im Sinne von TUN), schreibe, bleibe positiv …

Das ist alles nicht falsch, nur: nutzen wir da nicht oft weiterhin die Ansätze der alten Schule? Mehr Selbstoptimierung statt Selbsterfahrung? «Gib dir nur mehr Mühe, dann klappt das schon. Willensstärke verhilft dir dazu, deine Haltung, Glaubenssätze, dein Bewusstsein zu verändern.» Tja, wenn das so wäre, dann wären doch nicht so viele trotzdem überfordert und krank? 

Oder vielleicht vorher innehalten und wahrnehmen?

Das ist das Widersprüchliche am Ganzen. Wir können ungewollte Glaubenssätze nicht einfach wegdenken oder -zaubern und durch neue, vermeintlich bessere, ersetzen. Doch was wir können, ist das Kennenlernen, Verstehen und Beobachten unserer Glaubenssätze. Wie wir über etwas denken, warum, welche BIAS dahinterstehen, wie unterschiedlich wir ticken, welche Wahrnehmungsfilter wir haben. Unser Mindset erneuern wir nicht durchs Denken und Tun, sondern primär durchs Erkennen, Fühlen, Beobachten und Akzeptieren. Das kann bereits eine Veränderung bewirken.

Akzeptanz ist nicht gleich Resignation

Akzeptieren! Das tönt jetzt nach Resignation. Das war auch lange meine Ansicht. Ich bin auch eher eine TU-erin als eine LASS-erin :-). Und vielleicht ist es auch ein bisschen resignieren. Doch schliesslich bedeutet es, dass ich meine Realität und mich so annehme wie sie sich mir darstellt, auch wenn mir da längst nicht alles gefällt. Von C.G. Jung stammt die Aussage: «das, wogegen du dich wehrst, bleibt dir erhalten». Was ja bedeuten würde, dass, wenn man im Widerstand ist, sich selber blockiert und wenn man blockiert ist, kann nichts Neues emergieren. Und wenn ich mich selber nicht kenne und annehme mit all meinen Macken, «Fehlern», nicht auf growth-getrimmten Ängsten, dann blockiere ich mich ebenfalls. Dazu nochmals C.G. Jung: «The most terrifying thing is to accept oneself completely». 

Das ist eine lebenslange Reise. Und nimmt daher etwas Druck aus der Sache. Manchmal darf ich wohl einfach annehmen, dass es nicht einfach ist, zu akzeptieren. Und ich darf unruhig sein. Und darauf vertrauen, dass es gut kommt bzw. dass, wenn ich erstmal wahrnehme und akzeptiere, sich neue Wege aufzeigen.

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